SPRACHBRÜCHE

Sprache läuft nicht immer glatt. Manchmal stolpert sie, bröckelt, bricht. Gerade dort, wo sie an ihre Grenzen gerät, entsteht Spannung: Durch das Bruchhafte wird sichtbar, was sonst verdrängt bleibt – und es entsteht Raum für andere Worte, nach einer anderen Sprache, in der das Verdrängte womöglich Ausdruck findet.

Als Auftakt unserer neuen Veranstaltungsreihe Sprachbrüche laden wir im Herbst 2025 zu künstlerischen Workshops. Gemeinsam mit den Künstler:innen Natalie Deewan und Muhammet Ali Baş erproben wir neue Erzählweisen – für unerwartete Stimmen, für neue Perspektiven auf Sprache und Gesellschaft. 

Sprachbrüche verstehen wir als offene Einladung: Für alle, die sich in mehr als einer Sprache zuhause fühlen – oder sich einfach austoben und experimentieren möchten, in Erzählformen jenseits der Einsprachigkeit.


Workshop-Programm

Natalie Deewan – Foto: Vanessa Richter

In diesem zweitägigen Workshop suchen wir uns Begriffe aus, die wir gemeinsam begreifen wollen. Begreifen = beschreiben = besprechen = befragen: So kommen wir den gewählten Begriffen näher. Thematisch starten wir mit dem Feld Migration und bauen so langsam ein „MUSMIG-Wörterbuch“ auf. Am zweiten Tag werden die entstandenen Definitionen in Einzelsätze zerschnitten. Diese Satzbrüche dienen nun als Ausgangsmaterial für gemeinsam erstellte kollektive Definitionen, sogenannte „Begriffswolken“. Diese Begriffswolken werden nach dem Workshop neu gesetzt und jeweils auf Fahnenstoff gedruckt – ein bleibendes Ergebnis dieses Workshops. Die einzelnen Handschriften und die jeweiligen Farben bleiben erhalten, sie ergeben ein kollektives Schrift-Bild, das sich aus den Einzelsätzen der Runde zusammensetzt – so vielsprachig und widersprüchlich, persönlich und redundant wie die Zugänge der Gruppe selbst.

Die Teilnahme an den Workshops ist kostenfrei.
Anmeldungen bitte an info@musmig.co.
Achtung: Die Teilnehmer:innenanzahl ist begrenzt. 

Fotos: Vira Hanzha, Natalie Deewan

Update Feber 2026:

Die während des Workshops entstandenen Texte zu fünf ausgewählten Begriffen („OMA“, „MUTTERSPRACHE“, „SPRACHBRÜCHE“, „HEIMAT“, „FREUNDSCHAFT“) wurden großteils im Anschluss an den Workshop (TeilnehmerInnen: Carla, Hannah, Joel, Luise, Madeleine, Natalie und Vira) zu Kollektiven Schriftbildern zusammengesetzt, auf Fahnenstoff gedruckt, und nun im MUSMIG-Raum als Baldachine aufgefhängt:

Fotos: Natalie Deewan

Muhammet Ali Baş – Foto: Hibatullah Khelifi

Literatur schafft Welten – vergangene, gegenwärtige und zukünftige. Mit jeder Zeile schreibt sich eine Geschichte fort, schreibt sich eine Geschichte neu ein.  Gerade deshalb lohnt es sich, den Moment des Zeilenumbruchs genauer zu betrachten:  

In diesem Workshop erkunden wir die Brüche in geschriebener und gesprochener Sprache, in Gedanken und suchen in ihnen Spuren wirksamer (Gegen-)Erzählungen. Durch angeleitete Schreibübungen, gemeinsames Lesen und Austausch schaffen wir einen Raum, in dem persönliche Erfahrungen, politische Fragen und literarische Experimente ineinandergreifen.  Wir fragen, wie und warum Umbruchszeiten entstehen und wie sie durch Sprache herbeigerufen werden können.

Sketch: Muhammet Ali Baş

Die Teilnahme an den Workshops ist kostenfrei.
Anmeldungen bitte an info@musmig.co.
Achtung: Die Teilnehmer:innenanzahl ist begrenzt. 

Im Anschluss an die Samstags-Workshops finden öffentliche Lesungen/Performances am OWA statt, gefolgt von Paneldiskussionen.


Lesung & Performance

Samstag, 25.10.2025, 19:00 Uhr am OWA

Kinga Tóth – Foto: Savaria Museum

Die ungarische Autorin, Klang- und Performancekünstlerin Kinga Tóth sprengt in ihren Texten und Auftritten die Grenzen zwischen Literatur, Musik und Bild. Ihre Lesungen sind ebenso Konzert wie Performance – vielstimmig, kraftvoll und immer überraschend. Mit Auszügen aus Maislieder, Flugschrift und MariaMachina zeigt sie, wie das geschriebene Wort zu Klang wird, Klang zum Körper, und der Körper zu Sprache, die neue Räume eröffnet. Tóth lotet beständig die Übergänge aus, an denen Ausdruck kippt, sich verwandelt und neue Formen annimmt. Sprache wird so zu einem polyphonen Resonanzraum, in dem das trilinguale Changieren zwischen Ungarisch, Deutsch und Englisch ebenso Bedeutungen erzeugt wie das Experiment mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Im anschließenden Panel Talk erkunden wir gemeinsam mit Kinga Tóth, Künstlerin Natalie Deewan und Kuratorin Hannah Salentinig (beide MUSMIG) die Potentiale des Spiels mit Sprache jenseits des gesprochenen Wortes. Wie wird Sprache zum Material für künstlerische Experimente? Was passiert, wenn Worte ihren angestammten Platz verlassen und sich in Raum, Körper und Zeit ausbreiten?

Samstag, 1.11.2025, 19:00 Uhr am OWA

Marko Dinić – Foto: Apollonia Theresa Bitzan

„»…« »…« »Krass, Bruder … krass, krass, krass, krass, krass … so was habe ich noch nie gehört.« »Ja … d-das denke ich mir.« »Und danach … was war danach?«“

Marko Dinić schreibt gegen das Vergessen. Sein neuer Roman erzählt von dem Tag im Sommer 1942, an dem Serbien für „judenfrei“ erklärt worden war. Aus verschiedenen Perspektiven lesen wir, wie schnell der Krieg die eigene Geschichte und vor allem die Geschichten der anderen vergessen macht. Und trotzdem, die Haut merkt sich alles: Dinić zeichnet gebrochene Personen und gespenstische Szenen, in denen er die von Kriegsgreueln gezeichneten Gesichter portraitiert – eindringlich, vielstimmig und hochaktuell.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Sprachbrüche ist Autor Marko Dinić zu Gast bei MUSMIG und liest am Otto Wagner Areal aus seinem brandneuen Roman.

Was für spezifische Schwierigkeiten stellen sich, wenn man abseits der „korrekten“ und „guten“ Sprache schreibt? Eine heile Sprache – eine Einsprachigkeit – hat es nie gegeben. Vielmehr ist es die Brüchigkeit der Sprache selbst, die uns verbindet. Gemeinsam mit Literaturwissenschaftlerin Anna Seidel und Kurator Joel Souza Cabrera (beide MUSMIG) sowie den Autoren Marko Dinić und Muhammet Ali Baş sprechen wir über das Erzählen von (post-)migrantischen Geschichten.


Sprachbrüche ist eine Veranstaltung von MUSMIG, gefördert durch Futur 500, dem Deutschen Auswärtigen Amt und unterstützt durch das Volkskundemuseum Wien.

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